
Eine Fensterpredigt bei der Einweihung am 31.10.2003 in der Jona-Kapelle.
Liebe Gemeinde!
Ausgehend von den ersten Worten, mit denen das biblische Jonabuch beginnt, möchte ich versuchen, den biblischen Text in Beziehung zu setzen zu unseren Glasfenstern und zu einer Deutung der neuen Fenster von Jona einladen. Die Fenster geben dem Raum dieser Kapelle insgesamt eine andere Atmosphäre. Heller ist er geworden, zugleich dichter. Intensiver die Raumerfahrung, wenn wir hereinkommen aus dem Licht des Tages oder auch aus dem heraufziehenden Dunkel der Abenddämmerung.
Die neuen Fester leuchten. Sie haben ihr eigenes Licht. Die Fenster geben zu sehen. Sich selbst im Spiel ihrer Farben und Formen, in der Gegenläufigkeit von Licht und Dunkel. Neu erfahren lassen sie aber auch den Raum in den Brechungen des Lichts, das durch sie fällt. Sie geben uns, die wir hereinkommen, Orientierung. Ex oriente lux. Vom Orient, von Osten her bricht an das Licht. Das Licht des aufgehenden Tages, Licht im Schatten des Todes, Morgenglanz der Ewigkeit.
Diesen Weg führen uns die Fenster von Raphael Seitz. Sie geben zu sehen, sich selbst und den Raum der Kapelle, in den Brechungen des durch die Mauersäulen fallenden Lichtes der Welt. Zu verstehen geben sie aber auch den Sinn unseres Daseins in dieser Welt. So sind es Kirchenfenster. So begegnen wir hier moderner Glasmalerei, moderner Kunst im längst schon geprägten Sinnraum unserer Kapelle, die wir 1997 eingeweiht haben..
Neue Antworten können uns jetzt auch zuwachsen auf die Frage, wozu wir solche Räume brauchen, in der modernen Welt, in dieser Stadt. Könnten wir uns mit einem schlichten Gemeindesaal nicht begnügen? Wozu dieser Aufwand? Das viele Geld auch, das für die neuen Fenster gesammelt werden musste? Dazu die Einweihung am heutigen Reformationstag – Bilder in der Kirche des Wortes.
Ja, so ist es. An den Kunstschätzen, die unsere alten Kirchen und auch jetzt unsere neuen Kirchen schmücken, sehen wir, wozu das Christentum seit jeher die Menschen bewegen wollte:
dass wir an der Botschaft von Gott Gefallen finden,
dass sie unser Herz erfreut,
dass wir Gott lieben lernen, ihn loben, ihm nach allen Regeln der Kunst die Ehre geben.
Es geschieht etwas mit uns, wenn wir den Kirchenraum betreten. Wir werden angesprochen, nicht nur allein durch das Wort der Predigt. Die Atmosphäre des architektonisch kunstvoll gestalteten Raumes spricht. Das Dasein eines Kirchengebäudes allein schon spricht. Es hat keinen äußeren Zweck, wird nicht gebraucht zum bloßen Überleben. Es ist uns sichtbares Zeichen der Hinwendung zu Gott, wie auch dafür, dass wir uns selbst in den Höhen und Tiefen unseres Daseins verstehen lernen, im Bezug zu Gott, in unserer abgründigen Frage nach ihm.
Der nach oben strebende Raum, seine hoch gezogenen Pfeiler, seine Ausrichtung nach dem Licht der Morgenröte, das Kreuz, die Bilder der biblischen Heilsgeschichte. Das alles spricht, manchmal sogar vernehmlicher als das Wort der Predigt.
Wir kommen zur Ruhe, merken, sobald wir uns hier niederlassen, wie wir auf eigentümliche Weise in die Wendung nach Innen geraten. Was ist es nur mit meinem merkwürdigen Leben? Ich habe so oft das Gefühl, dass es mir gleichsam wie die Jahre, Tage und Stunden zwischen den Händen zerrinnt.
Doch jetzt könnte es geschehen, dass sich mir meine Kräfte versammeln,
ich intensiver spüre, was mir fehlt,
was mir schwer fällt,
was mir auf der Seele liegt. Ich aber auch neues Zutrauen fassen, Pläne erwäge, Ziele abstecke, für die nächste Woche und darüber hinaus.
Warum das hier, im Kirchenraum? Weil es dieser Raum ist, der zu keinem anderen Zweck da ist, als dem, dass wir uns formuliert finden in dem, was uns unbedingt angeht. Formuliert, zur Sprache gebracht, in dem, was uns bedrückt und belastet, uns quält und Sorgen macht. In dem dann auch, wonach wir verlangen, wohin unsere Sehnsucht geht, unsere Wünsche, unser Hoffen.
Was sollen wir tun? Auch diese Frage bleibt. Worin habe ich versagt, bin ich schuldig geworden? Es geht um unsere Aufgaben und das, was zu erreichen wir uns vorgenommen haben. Vieles können wir tun für unser Glück und für andere, die unsere Zuwendung und Hilfe brauchen.
Aber letzten Endes haben wir unser Leben, nicht in der eigenen Hand. Das tritt uns ins Licht unseres Bewusstseins, so wir eine Kirche betreten. Es muss da immer noch etwas hinzukommen, das Entscheidende, das wir nicht machen können. Da ist Unverfügbares. Das Geschenk schon des eigenen Daseins. Dann, dass mir gesagt wird: Du, ich hab dich lieb. Dass ich merke, welcher Segen auf meiner Arbeit liegt, sie schließlich doch gelingt. Dass ich den Mut nicht verliere, auch in auswegloser Lage. Tiefer können wir unserer selbst gewiss werden, wenn wir den Kirchenraum betreten und uns in ihm niederlassen, zur Andacht, zur Einkehr in uns selbst und in der Hinwendung zu Gott, zur Transzendenz, zu dem, was über unser eigenes Machen und Wollen hinausliegt und wovon wir uns doch so sehr abhängig fühlen.
Tiefer erfassen können wir hier, was es mit unserem merkwürdigen Leben auf sich hat. Hinwenden können wir uns hier zu Gott, den kein Auge je gesehen, von dem wir deshalb auch keine Vorstellung haben, von dem wir uns kein Bild machen können und ohne den doch unser Leben nicht gelingen kann. Wir zweifeln immer wieder an seiner Gegenwart, fragen, ob es ihn überhaupt gibt, so wie es aussieht in dieser Welt. Und zugleich ahnen wir, dass es ohne ihn keinen Trost gibt in der Einsamkeit, keinen Beistand in letzter Gefahr, keine Hoffnung in der Nacht des Todes.
Das alles sagt uns ein Kirchraum.
Dies wird um so leichter verständlich, wenn er auch angefüllt sinnkräftigen Zeichen – wie eben den Bildern und Motiven auf unseren Fenstern.
Dass das unsichtbare Wesen Gottes, seine rätselhafte Ohnmacht wie seine wunderbare Macht anschaulich und greifbar werden mögen, vorstellbar die Verheißung seiner schöpferischen, versöhnenden und befreienden Gegenwart.
Die Sprache der Verheißung, was die Bibel von Gott erzählt, ist uns Heutigen jedoch vielfach fraglich geworden. Wir haben Schwierigkeiten mit der Vorstellung von Gott als Person. Schwierigkeiten auch damit, dass das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz uns zum Heil geschehen sein soll. Die Bilder, in denen die Kunst der Alten das Heilsgeschehen zur Darstellung gebracht hat, sprechen zu uns nicht mehr. Ihr Sinn erschließt sich nicht. Es fällt uns schwer zu erkennen, dass in ihnen unser eigenes Leben, unsere Ängste und Gefährdungen unser Hoffnungen und unser Glück zur Auslegung kommen.
Anders ist es in den Werken moderner Kunst. Anders ist es in den Glasfenstern von Raphael Seitz. Und deshalb ziehen wir reichen Gewinn daraus, dass es nun hier in der Jona Kapelle zu dieser anregenden, nicht nur Ergänzung, sondern auch Fortführung gekommen ist.
Gegenständliches und Malerisches zeigen die neuen Glasbilder.
Gott hält und erhält unser Leben.
Ja, sagt Raphael Seitz mit seinem Fensterzyklus, mit diesen ersten neuen Fenstern: Es ist ein Gott. Die Welt, das Universum geht im sichtbar Vorhandenen, rational Erforschbaren und Ergründbaren nicht auf. Die undurchdringliche Schwere des Seins, auch deines Lebens, ist immer schon umfangen vom Licht, in dem du das Sehen lernen kannst. Sobald du nun die Augen aufschlägst, siehst du im geschaffenen Licht, im oft kalten Licht der Welt, den Gott. Eingetaucht findest du dich in Gottes unendliche Liebe zu seinen Geschöpfen. Verwandelt. So wirst du deinen Weg finden, erkennen, woher du kommst und vor allem, wohin du gehst. Es erschließt sich dir der Sinn deines Lebens im Abschreiten der neuen Glasbilder von Jona und dann auch wieder im Wort der Alten, wie dem des Kirchenvaters Augustin. "Liebe und dann tu, was du willst".
Amen.
© 2010 Kirchbaustiftung der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg | Philosophenweg 1 | 26121 Oldenburg | Tel.: 0441 - 7701 - 0 | E-Mail: kirchbaustiftung@kirche-oldenburg.de
Bankverbindung: Landessparkasse zu Oldenburg | BLZ 280 50100 | Konto-Nr. 1946201