Bericht der Orgelbauer zur Restaurierung.

Eine Orgel zu restaurieren bedeutet, den Erbauer des Instruments mit seinen Schwächen und Stärken kennen zu lernen und sich mit ihm anzufreunden, um seine Arbeitsweisen zu verstehen. Da im Falle von Georg Wilhelm Wilhelmy wenige seiner Orgeln erhalten sind war das eine große Herausforderung, die uns viel Spaß gemacht hat. Während der ganzen Zeit der Restaurierung, also etwa 1 ½  Jahre lang hat die Spurensuche uns begleitet und bereichert.

Was wir vorgefunden haben war ein wegen der Kirchenrenovierung ausgeräumtes Orgelgehäuse in der Kirche und ein Pfeifenlager in einer Scheune in der Nähe. In den Pfeifen wohnten inzwischen Mäuse und den Klang der Orgel hatten wir nie gehört. Trotzdem waren wir sofort von dem Instrument begeistert, das als Schmuckkästchen im Chor der Kirche über dem Altar prangt.
Unser Auftrag war auch ein sehr einfacher: Restaurierung der originalen Teile, Entfernen der in modernem Stil eingebauten Mechanik, Windanlage und Pfeifen sowie die Rekonstruktion derselben im Sinne Wilhelmys. Dazu wurde uns vorbildlich aufgearbeitetes Archivmaterial über die Arbeiten an der Orgel durch die Jahrhunderte und der originalen Vertrag von 1794 zur Verfügung gestellt. Außerdem wurde uns ein Karton mit originalen Materialien überreicht, die 1969 entfernt worden waren, nämlich Reste eines Pfeifenfußes und die alten Zungenblätter. Auch das Gehäuse selber hatte an vielen Stellen Hinweise auf die frühere Situation. Eine Fülle an Hinweisen also, die automatisch eine Flut an Fragen aufwarf.

Da die Orgel in Altenesch die einzige weitgehend erhaltene Orgel von Georg Wilhelm Wilhelmy ist, war es nötig, andere Orgeln zu besuchen, an denen Georg Wilhelmy selbst gearbeitet hat, oder die sein Sohn Georg gebaut hat. Das war zuerst einmal die Schnitger Orgel in Grasberg, die Johann Georg 1788 von Hamburg nach Grasberg umgesetzt und erweitert hat, die Orgel in Ringstedt in der nur noch Pfeifen vom Johann Georg Wilhelmy stehen, und die Orgeln seines Sohnes Georg in Kehdingbruch, erbaut 1816/17 und Steinau, erbaut 1839. Für Detailfragen haben wir dann später auch noch die Pfeifen der Orgel von Witzmann in Zetel besichtigt und die Registerknöpfe von Neuenkirchen, Landkreis Hadeln verglichen. Nicht besucht haben wir die Orgeln seines Halbbruders und Lehrmeisters in Hessen, aber in Telefonaten mit Herrn Späth von der Firma Mebold wertvolle Informationen darüber erhalten.
Besonders glücklich waren wir über den Fund von Tobias Schmidt, der ein Foto der Spieltischsituation von 1967 aufspüren konnte. Angesehnen haben wir später auch noch den Prospekt der Orgel in Visselhövede von Georg Wilhelm Wilhelmy von 1779/80.

Nach den Untersuchungen der anderen Instrumente hatten wir ein recht gutes Bild von den Besonderheiten vom Vater Wilhelmy und davon, dass der Sohn sehr konsequent im Stile seines Vaters weitergearbeitet. hat. Viele kleine Details, die typisch für den Vater sind, sind in der Orgel von Steinau 46 Jahre später noch genauso ausgeführt.  Sowohl Vater als auch Sohn waren sehr konservativ, keine Neuerungen in Bauart oder Disposition dieser Zeit waren eingebaut worden und auch das fehlende Cis in allen Werken, der hohe Kammerton von a=484Hz  und der kleine Tonumfang von C-c’’’ sind äußerst altmodisch

Zuerst haben wir eine recht genaue Dokumentation des vorgefundenen Zustands der Orgel gemacht und mit Photos belegt, wie die Orgel vor der Restaurierung aussah. Dann wurden alle Teile die ohne Beschädigung demontiert werden konnten in die Werkstatt nach Finsterwolde mitgenommen.
Das Gehäuse selber ist so sehr mit dem Gewölbe darüber verbunden und festgenagelt, dass eine verantwortungsvolle Demontage nicht möglich war.
Am Gehäuse wurden lose Verbindungen wieder befestigt und fehlende Teile ergänzt.
Ein Rätsel blieb, warum sich hinter den Vasen in den Zwischenfeldern der Orgelfront noch anderes Schnitzwerk befindet- wir nehmen an, dass sich während der Bauzeit der Geschmack hin zum Klassizistischen  verändert hat.

In der Werkstatt wurden als erstes die Windladen restauriert. Alle losen Teile wurden vorsichtig mit Spiritus gelöst und mit Lederfugen zum Arbeiten wieder verleimt. Danach wurden die Windladen mit der Rauhbank abgerichtet und mit Leder beleimt, wie Wilhelmy es auch getan hatte. Die Hauptwerks- und Brustwerkswindlade waren schon früher einmal teilweise restauriert und verändert worden, die Pedalwindlade jedoch war noch im Originalzustand und konnte darum als Vorbild für alle veränderten Teile dienen. Alles Leder wurde ersetzt und auch das Drahtwerk musste wieder aus Messingdraht ersetzt werden.
Schleifen und Stöcke konnten ohne Schwierigkeiten wieder verwendet werden und anhand von Abdrücken auf den Stöcken konnte auch zweifelsfrei die originale Aufstellung der Pfeifen rekonstruiert werden.

Die Registermechanik ist teilweise original erhalten und wurde an allen Drehpunkten kontrolliert und nachgearbeitet.

Die Tonmechanik musste ganz neu angelegt werden, wofür wir Steinau als Vorbild genommen haben. Besonders sind hierbei die Winkel aus dünnem Eichenholz und die Wellenbretter mit Rahmen auf denen die Wellen montiert sind. Diese Bauform hat Wilhelmy anscheinend aus Hessen mitgebracht.

Eine sehr schöne Aufgabe war die Rekonstruktion des Spieltisches und der Klaviaturen. Durch das erwähnte Photo von 1967 konnten viele Details eindeutig geklärt werden. Was im Dunkeln blieb, wie z.B. die Fronten der Tasten haben wir nach Grasberg rekonstruiert, die Proportionen der Klaviaturen haben wir von  Steinau übernommen, deren originale Klaviaturen wir freundlicher Weise ausleihen durften, da sie holztechnisch in so schlechtem Zustand gewesen waren, dass sie bei der Restaurierung durch die Fa. Hillebrand ersetzt werden mussten.
Für die Registerschilder haben wir letztlich auch Steinau als Vorbild genommen, da alle anderen Spuren, denen wir gefolgt sind, sich im Sande verlaufen haben.

Auch die Balganlage musste völlig neu gebaut werden. Das Tragwerk der alten Bälge war noch vorhanden und konnte wieder verwendet werden. Die Proportionen der Bälge waren im Vertrag als 8 ½ Fuß bei 4 Fuß angegeben. Diese Maße, gemessen nach den gängigen Fußgrößen, können sie aus Platzgründen nie gehabt haben, wir haben sie im vorgegebenen Verhältnis verkleinert. Der Motor steht über der Orgel in der Kuppel und betreibt alle drei Bälge
Hinter den Bälgen steht jetzt das Register Subbaß 16’, das eine Zufügung von wahrscheinlich Schmidt Oldenburg war und auf dem Platz der Trompete 8’ im Pedal stand. Dort konnte es nicht bleiben, war den Organisten aber ans Herz gewachsen, so dass es jetzt einen neuen Platz bekommen hat an dem es das originale Werk nicht behindert.

Die historischen Pfeifen wurden gereinigt, ausgebeult und verlängert, die Pfeifen der beiden letzten Töne h’’ und c’’’ mussten überall ergänzt werden. 1969 waren alle Pfeifen aufgerückt worden um auf die Standardtonhöhe von a=440Hz zu kommen. Dazu waren die drei größten Pfeifen aus modernem Material ergänzt und die zwei kleinsten Pfeifen entsprechend entfernt worden.  Wilhelmy hatte aus der Stader Tradition kommend die Orgel zwei Halbtöne höher als heute üblich gebaut. So klingtt sie auch heute wieder, was den Organisten beim Begleiten der Gemeinde vor besondere Anforderungen stellt, da heutzutage nicht mehr gerne sehr hoch gesungen wird. Auch das Musizieren mit anderen Instrumenten erfordert besondere Vorbereitung, da diese ja auch zumeist auf 440Hz eingestimmt sind. Aber da die Tonhöhe für den Klangeindruck der Orgel wesentlich ist, mussten diese Schwierigkeiten in Kauf genommen werden.
Fehlende Register wurden aus passendem Material neu gebaut. Um das Material zu gießen haben wir vorab eine Materialanalyse machen lassen, für die wir ein Stück des erwähnten Pfeifenfußes in der Pappkiste verwendeten. Das Material enthielt außer Zinn und Blei einen deutlichen Anteil Antimons, den wir mit Mithilfe des Glockengießers Simon Laudy dazulegiert haben, eine Premiere für unsere Werkstatt. Das schwierigste daran war, 1Kg Antimon zu bekommen, da dieses Metall normalerweise tonnenweise verkauft wird.
Wilhelmy hat die Maßverhältnisse seiner Pfeifen sehr einfach ohne große Variationen entworfen, das machte uns die Arbeit der Rekonstruktion der Register Principal 8’ Sesquialtera und Trompete 8’ Pedal einfach.  Nur für den Dulcian 8’ konnte kein geeignetes Vorbildregister aus dem Umkreis von Wilhelmy gefunden werden, es hat jetzt die Bielfelt Orgel in Scharmbeck als Vorbild.
Zum Teil rekonstruiert wurden die Quintadena 16’ und die Posaunenbecher, die vordem aus Zink waren und jetzt aus Holz sind.
Simon Laudy hat die Kalkantenglocke gegossen, nach dem Vorbild des Glöckchens in der Rohlfs Orgel in Burhafe aus demselben Baujahr 1795. Miterlebt hat dies ein Teil der Gemeinde, die an diesem Tag zur Werkstattbesichtigung in Finsterwolde war.
An diesem Tag war auch unser 3 Wochen alter Sohn Johannes zum ersten Mal in der Werkstatt, der auch der Grund war, dass ich nicht die ganze Zeit selber an der Restaurierung der Orgel beteiligt war. Darum gilt mein besonderer Dank Winold van der Putten und den Mitarbeitern Willem- Jan Hoevers und Willem Dijkstra, die sich mehr als sonst für dieses Projekt eingesetzt haben und deshalb auch als Ehrennamen „unsere Wilhelmys“ genannt werden. Mit Rat und Tat stand uns dankenswerter Weise Norbert Müller aus Delmenhorst zur Seite, der die Dokumentation der Pfeifen durchgeführt hat und bei allen Ungereimtheiten mitgedacht hat und auch Herrn Löbbecke, der Sachverständige.
Die sehr angenehme Zusammenarbeit mit der Gemeinde hat uns sehr beflügelt und ist nicht selbstverständlich, wofür ich der engagierten Organistin Frau Schäl, Herrn Tobias Schmidt und Frau Look herzlich danken will, ebenso der unermüdlichen Küsterin und Herrn Vetter und Herrn Scherge, ohne die die Bälge vielleicht nie in die enge Nische hinter der Orgel gelangt wären.
Jetzt stellt sich doch zum Abschluss die Frage: Haben wir uns mit Georg Wilhelm Wilhelmy angefreundet?
Wir haben ihn denke ich ganz gut kennen gelernt, mit seinen Stärken und seinem Ehrgeiz, seinen Schwächen und seinen Unzulänglichkeiten. Probleme mit der geringen Höhe zwischen Klaviatur und Brustwerkswindlade und der Enge im Bereich der Pedalwindlade und Bälge hatte er sicher auch, und die Holzauswahl lässt auf große Sparsamkeit schließen.
Es wäre zu viel gesagt dass wir Freunde sind, aber er hat unser Leben die letzten anderthalb Jahre bereichert und wird uns natürlich auch in Zukunft begleiten, mit allem, was wir an diesem Instrument gelernt haben.
Wir hoffen sehr, dass die Orgel wieder lange zur Freude der Gemeinde und der Organisten spielt. Ingrid Noack

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