
von Tobias Schmidt (Kirchenmusikausschuss)
Das klingt ein bisschen wie familiäre Verbundenheit – „Vater Wilhelmi“. Dabei soll diese Namensgebung vordergründig nichts anderes, als den Unterschied herausstellen zwischen zwei Generationen von Orgelbauern: Georg Wilhelm Wilhelmi und dessen Sohn Johann Georg Wilhelm („Meister Wilhelm“), von dem noch ca. 5 Instrumente vorhanden sind, vom Erstgenannten jedoch nur noch eine einzige Orgel, deren Wiedererstehen aus jahrzehntelangem „Dämmerzustand“ wir in diesen Tagen festlich begehen dürfen.
Georg Wilhelm wird 1748 in Weißenbach in Hessen als Sohn eines Müllers geboren. Sein Halbbruder ist Orgelbauer und nimmt ihn in die Lehre. Bereits mit 18 Jahren führt Georg Wilhelm die Werkstatt des Halbbruders allein. Möglicherweise wegen des guten Rufs der norddeutschen Orgelbautradition übersiedelt er ein Jahrzehnt später nach Norddeutschland, wo er zunächst in Hannover und dann in Hamburg tätig ist und bereits erste Bekanntschaften mit den auch damals schon berühmten Schnitger-Orgeln macht. In Visselhövede führt er 1779 seinen ersten Neubau aus. Angelockt durch den Auftrag, die Schnitger-Orgel der Stader Kirche St. Cosmae und Damian gründlich zu renovieren, zieht Georg Wilhelm im Sommer 1781 in die alte Hansestadt. Ob er damals schon den Beinamen „Wilhelmi“ im Gepäck hat oder ihn sich erst in Stade zulegt, ist heute nicht mehr auszumachen.
Von der hervorragenden Klangqualität und hochwertigen Verarbeitung der Arp-Schnitger-Orgeln ist Wilhelmi so überzeugt, dass er sich dessen Bauweise und Klangvorstellungen, die er auch bei seinen Stader Vorgängern Erasmus Bielfeldt und Dietrich Christoph Gloger wiederentdeckt, für seine eigenen Orgelbauten übernimmt.
Acht Orgelneubauten hat Wilhelmi errichtet:
Visselhövede 1779/80
Belum 1783–86
Balje 1786
Ringstedt 1788
Altenesch 1794–1795
Schneverdingen 1795–1796
Selsingen 1796–1798
Cappel (Wursten) 1800–1801
Im Jahr 1806 stirbt Georg Wilhelm Wilhelmi in Stade. Seinen letzten Neubauauftrag für die Kirche in Oldendorf kann er nicht mehr zu Ende führen. Die Fertigstellung übernimmt der Sohn Johann Georg Wilhelm – wie auch die väterliche Werkstatt.
Besonders die Schnitger-Orgel aus der Hamburger Mädchenschule verdankt G. W. Wilhelmi ihr Überleben: 1788 kauft er sie selbst auf und baut sie in die Kirche zu Grasberg ein, wo sie bis heute klingt. Wilhelmi steht im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert als letzter Vertreter des norddeutschen Orgelbarocks gleichsam zwischen zwei Stilen: dem mehr und mehr überholten und bald verpönten Barock und dem auch auf dem ländlichen Raum sich durchsetzenden Klassizismus, was am Altenescher Orgelprospekt deutlich wird.
Der Contract vom 3. Januar 1794
Auch im Herzogtum Oldenburg erwirbt sich Wilhelmi einen guten Ruf, so dass er bald auch hier die meisten vorhandenen Orgeln wartet und pflegt. 1792 ist er in Berne an der Lampeler-van Mill-Orgel mit einem Umbau beschäftigt, was die Altenescher Kirchjuraten veranlasst, ihn aufzusuchen und ihm die Anfertigung eines Neubaues für die St.-Gallus-Kirche anzutragen. Man wird sich handelseinig über ein neues Instrument mit 17 Registern auf zwei Manualen und Pedal für die stolze Summe von „Eilf Hundert und Zehn“ Reichstalern in Louisdor. Die Liste der Spender und ihrer Gaben ist wie der originale Contract noch heute im Archiv der Kirchengemeinde vorhanden. Die Gerätschaften werden aus Berne geholt, die Werkstatt in Altenesch eingerichtet – Liefertermin ist im Frühjahr 1795. Am 25. März 1795 wird das fertige Werk vom Oldenburger Organisten Carl Meineke abgenommen.
Die wechselvolle Geschichte eines
Instruments
Bereits im zarten Alter von 25 Jahren erfährt die Orgel durch Orgelbauer Schmid (I) aus Oldenburg ihre erste größere Reparatur. Schon früh wurde die Manualtraktur des Brustwerks bemängelt. Große Metallpfeifen waren eingesunken und eine Instandsetzung der Rohrwerke (Zungenregister) war notwendig geworden. Das ganze Instrument wurde auch neu gestimmt, und zwar jetzt gleichschwebend und nicht mehr wohltemperiert.
Das Instrument blieb bei der Orgelbauerfamilie Schmid bis in die dritte Generation in Pflege. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist von dieser das R egister Subbass 16’ ergänzt worden, das auch nach der Restauration als zusätzliche Stimme in der Orgel erhalten geblieben ist. Im Laufe des 19. und bis ins 20. Jahrhundert hinein erfuhr die Altenescher Orgel verschiedene Umbau- und Änderungsmaßnahmen, wovon die „Restauration“ im Jahr 1969 durch die Fa. Bosch wohl den gravierendsten und aus heutiger Sicht auch schmerzlichsten Eingriff darstellt.
Eine „Verschlimmbesserung“
Pfarrer Trensky, damaliger Orgelsachverständiger, bescheinigt dem Altenescher Instrument 1968 einen recht weit fortgeschrittenen „Verfall “. Er empfiehlt dem Oberkirchenrat in Oldenburg eine Restauration der historischen Orgel durch die Fa. Bosch, Werkstätte für Orgelbau, Niestetal-Sandershausen bei Kassel. Das gesamte Instrument wird entkernt, das Gerüst aus Eichenholz muss einem maschinell gefertigten aus Stahl weichen. Die Pfeifenstöcke werden mit Tele skophülsen versehen. Die gesamte historische Spieltraktur wird durch eine industriell hergestellte aus Messing und Aluminium ersetzt. Ein neuer Spieltisch wird geliefert. Die „ kurze Oktave“ wird entfernt: Die tiefsten Töne C, Cis und D werden für alle Register nachgebaut. Alle Pfeifen werden auf den Laden um zwei Töne versetzt, so dass für die neuen Pfeifen Platz ist und die Orgel fortan im üblichen Kammerton (a’ = 440 Schwingungen) gestimmt ist und nicht mehr im höheren Chorton, wie von Wilhelmi gebaut. Teilweise werden Pfeifen einfach abgesägt. Ein modernes Register Dulzian 8’ wird dazugebaut, welches mit dem historischen Instrument außer dem Namen nichts zu tun hat.
Vielleicht haben die Orgelbauer in bester Absicht gehandelt und die Befürwortung durch den Orgelsachverständigen erfolgte aus den damaligen Erfahrungen heraus – leider mangelte es sowohl den Ausführenden als auch der fachlichen Aufsicht an jeglichem Respekt vor der historischen Substanz.
Diese verunstaltenden Maßnahmen im Zusammenspiel mit dem Regeneinfall durch das undichte Dach im Jahr 1989 bescherten der Orgel in diesem „neuen“ Zustand lediglich eine Haltbarkeit von rund 20 Jahren, während Orgeln normaler Weise für einige Jahrhunderte gebaut werden.
Um so erfreulicher ist es, dass diese an dem Instrument begangenen Fehler wieder rückgängig gemacht werden konnten und nun weitestgehend eine Orgel hören können, wie sie vor 213 Jahren geklungen haben mag.
Michael Schmidt
© 2010 Kirchbaustiftung der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg | Philosophenweg 1 | 26121 Oldenburg | Tel.: 0441 - 7701 - 0 | E-Mail: kirchbaustiftung@kirche-oldenburg.de
Bankverbindung: Landessparkasse zu Oldenburg | BLZ 280 50100 | Konto-Nr. 1946201