Gedanken zum Altarbild in der Kreuzkirche zu Sandkrug von Pfarrer Jens Möllmann.

In seinem Beitrag zum Band der Oldenburgischen Landschaft über Ludwig Münstermann schreibt der ehemalige Oldenburger Oberkirchenrat Rolf Schäfer: „Wer heute eine Kirche besucht, vergißt leicht, daß er sich in einem Kultgebäude befindet ... (einem) Ort der Gottesbegegnung ... Die spezifische Form der Gottesbegegnung, die für die jeweilige Religion eigentümlich ist, ... kommt im religiösen Kunstwerk zum Ausdruck und wird von ihm im Betrachter neu angeregt und verstärkt.“ (W. Knollman / P. Ponert / R. Schäfer, Ludwig Münstermann, Oldenburg, 1992, S. 84).
Der Künstler Michael Ramsauer hat für ein solches Kultgebäude, einen Ort der Gottesbegegnung, Bilder, religiöse Kunstwerke geschaffen. Wenn wir sie betrachten, gilt es nach dem zu suchen, was uns Menschen religiös anregt und stärkt. Bevor wir uns den Bildern als solchen zuwenden, seien zwei Hinweise auf die Bedeutung von Bildern in Kirchen erlaubt.

Der lutherische Zweig der Reformation hat bekanntlich die Bilder und Figuren in den Kirchen belassen. Luther selbst hatte in Auseinandersetzung mit seinem Universitätskollegen Andreas Karlstadt und dem von diesem in Wittenberg initiierten Bildersturm im Frühjahr 1522 die Bilder zu den sog. Adiaphora gezählt, nur vor der irrigen Meinung gewarnt, durch das Stiften solcher Bilder Gott gnädig stimmen zu können. Solcher möglicher Missbrauch der Bilder hebe nicht den rechten, den Glauben verkündigenden Gebrauch der Bilder auf. Klassische Beispiele für den verkündigenden Dienst, den die bildende Kunst im Rahmen der lutherischen Glaubenspraxis zu leisten vermag, sind etwa im Oldenburger Land die Altäre Ludwig Münstermanns.

Gegenwärtig erleben wir im Rahmen einer mehr und mehr „globalisierten“ Frömmigkeit einen Rückgriff auf eine vorreformatorische Bildertradition. Viele Menschen im Westen nutzen in ihrer Glaubenspraxis die Ikonen der Ostkirche. Michael Ramsauers Werk für die Sandkruger Kreuzkirche lässt die orthodoxe Bedeutung der Bilder für den Kirchraum wie für den sich darin abspielenden Gottesdienst anklingen. „Inhalt jeder Ikone ist die Evangelienbotschaft, und der Sinn jeder Ikone besteht darin, die Auferstehungshoffnung und den Gnadenzustand des Menschen auszudrücken“ (Metropolit Michael Staikos, Auferstehung. Von erlebter orthodoxer Spiritualität, Wien, 2000, S. 89). Gerade auf der mittleren Tafel des Triptychons scheint die angesprochene Auferstehungshoffnung auf.

Nach diesem Exkurs soll das Sandkruger Bild selber wieder in den Mittelpunkt der Gedanken rücken. Hinter dem Lesepult bzw. der Kanzel begegnen auf der linken Tafel Mose, die Tafeln mit den 10 Geboten sichtbar vor sich, und Johannes der Täufer mit seinem charakteristischen Zeigefinger. Mose und Johannes stehen in der lutherischen Bildertradition für die beiden Arten, wie Gott uns anspricht. Im Gesetz, von Mose repräsentiert, spricht Gott als der mit heiligem Ernst uns Fordernde zu uns, dem wir nie gerecht werden können. Luther drückt das in seinem Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 299) so aus: „... es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben.“ Im Evangelium, dafür steht Johannes, offenbart sich Gott als der, der uns im Christusgeschehen Erlösung schenkt, an der wir nur glaubend Anteil gewinnen können. Johannes lenkt mit seinem Zeigefinger unseren Blick auf die mittlere Tafel, auf eben dieses Christusgeschehen: Dieser ist’s ... (Joh 1,30).

Hinter dem Taufbecken sieht der Betrachter auf der rechten Tafel, wie ein Engel sich einem Menschen zuwendet. Es könnte der Engel sein, der am Grab die Auferstehung Jesu verkündigt und Furcht mit seiner Erscheinung und seiner Botschaft auslöst. Das Bild lässt aber auch an die Begegnung Mariens mit dem Engel und an weitere ähnliche biblische Engelgeschichten denken. Verweilen wir bei der Variante mit Maria: Maria hockt da, erschrocken ob des Engels Erscheinen und der damit verbundenen Botschaft. In Maria begegnen wir dem Vorbild des in aller Unsicherheit und Erschütterung doch Gott vertrauenden Menschen: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast (Lk 1,26ff).

Der Engel dominiert dieses Bild. Engel begegnen in der Bibel immer wieder als Boten Gottes, die die Verbindung herstellen zwischen Himmel und Erde, man denke etwa an die eindrückliche Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter. „Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder“ (Gen 28,12). Im Psalm 91 ist vom Schutzengel die Rede: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91,11f). Als „dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil erben sollen“ (Hebr. 1,13), werden sie im Neuen Testament an einer Stelle beschrieben.
Engel sind darüberhinaus Teil unserer religiösen Gegenwartskultur – auch und gerade am Rande und außerhalb der Kirche. Der Buch- und Schallplattenversand „2001“ landete 1991 einen Bestseller: „Engel. Eine bedrohte Art“ von Malcolm Godwin. Nach außen hin vermeintlich religiös unmusikalische Zeitgenossen platzieren heute auf ihren Schreibtischen kleine Engelfiguren aus Bronze. Und der Benediktinermönch und Autor moderner Erbauungsliteratur Pater Anselm Grün bietet „50 Engel für das Jahr“ – ein ebenfalls stark nachgefragtes Buch. Engel sind „in“. Bezeichnenderweise steht heute über vielen Todesanzeigen ein Wort Dietrich Bonhoeffers: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag“ (vgl. Evangelisches Gesangbuch Nr. 65). Das Gedicht spielt auf die Engel an.

Die Sandkruger haben in ihrer Kirche nun einen Engel, der Maria und in ihr allen Menschen das große Gottesgeschenk verkündigt, das sich in der Taufe mit dem Leben des einzelnen verbindet und im Glauben ein Leben lang dankbar betrachtet und angenommen werden will. Dieser Engel mag für nicht wenige auch die „gute Macht“ repräsentieren, in der sie sich „wunderbar geborgen“ wissen dürfen.

Johannes wie der Engel weisen auf das Christusgeschehen, auf die mittlere Tafel, das Zentrum. Das Kreuz steht klein, aber nicht zu übersehen auf dem Altar. Gewaltig und alles überstrahlend dieses Zentrum, die Himmelfahrt, die Auferstehung. Der auferstandene Jesus, von Engeln umgeben, wird aufgenommen in den Himmel, in das göttliche Licht, in das Leben, das Gott selbst lebt. „... der Sinn jeder Ikone besteht darin, die Auferstehungshoffnung und den Gnadenzustand des Menschen auszudrücken“; diese Worte des Metropoliten seien noch einmal zitiert. Denn gerade die mittlere Tafel des Triptychons hat in diesem Sinne etwas Ikonenhaftes. Sehe ich doch nicht nur die künstlerische Darstellung einer biblischen Glaubensaussage, ich sehe – mit dem Apostel gesprochen – „den Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29) und damit erahne ich etwas vom Ziel und vom Sinn meines Lebens, von der Vollendung meines Lebens hinter meinem Kreuz in der lichten Gegenwart Gottes. Der Auferstandene streckt mir seine rechte Hand entgegen, um mich mitzunehmen zur Erfüllung meines Lebens. Man möchte an Paul Gerhardt und seinen Osterchoral „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“ denken:
„Ich hang und bleib auch hangen
An Christo als ein Glied;
Wo mein Haupt durch ist gangen,
Da nimmt er mich auch mit“
(Paul Gerhardt, Geistliche Lieder, Stuttgart, 1991, S. 102).

Diese zentrale Hoffnung des christlichen Glaubens darf ich in dieser Kirche dank der Bilder Michael Ramsauers immer neu vor Augen haben – Anregung und Stärkung für alle, die hier betrachten, beten und Gottesdienst feiern.

Jens Möllmann, Pfarrer
Kirchgasse 3
49434 Neuenkirchen.

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